07.06.2016

Demographie und Kostenexplsion? Der finnische Weg.


Die skandinavischen Länder gelten in Deutschland im Bezug auf das Gesundheitswesen als vorbildlich. Höhere Gehälter, mehr Personal und gesellschaftliche Anerkennung für Pflegende sind Dinge, die man mit unseren nordeuropäischen Nachbarn assoziiert. Während eines dreimonatigen Auslandsaufenthaltes in Finnland konnte ich einige der Annahmen direkt unter die Lupe nehmen und musste feststellen: Viele der Herausforderungen, die es im Gesundheits- und Pflegebereich zu lösen gilt, sind vergleichbar. Beeindruckend war jedoch die Beobachtung, wie unter auch in Finnland problematischer werdenden wirtschaftlichen Rahmenbedingungen nach Lösungen gesucht wird, vorhandene Mittel optimal zu nutzen.


Ein Beispiel hierfür ist die Implementierung einer Demenzstrategie (Kansallinen Muistiohjelma) Sie wurde als Reaktion auf die steigende Anzahl von an Demenz erkrankten Menschen (derzeit etwa 120 000 Menschen) entwickelt. In Finnland erkranken jährlich circa 13 000 Menschen neu an Demenz und haben damit einen besonderen Pflegebedarf. Die Demenzstratege zielt auf das Erreichen von insgesamt vier Zielen, um die Gesellschaft als Ganzes auf die steigende Zahl demenziell Erkrankter vorzubereiten, und den Betroffenen eine größtmögliche gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen.

Die Strategie wurde 2012 veröffentlicht und soll 2015 um einen Handlungsplan erweitert werden. Die Grundidee von nationalen Demenzstrategien geht auf die Europäische Kommission zurück, welche im Rahmen der Gesundheitsprogramme der Europäischen Union (EU) im Jahr 2008 die Plattform «Alzheimer Cooperative Valuation in Europe» gründete.
Die Aktivitäten dieser europäischen Plattform sollen unter anderem dazu dienen, die Lebensqualität sowie Versorgung der von einer Demenzerkrankung Betroffenen innerhalb der EU zu verbessern. Mittlerweile sind 30 Partnerorganisationen aus 19 Mitgliedstaaten der EU an dieser Plattform beteiligt. Dies ging mit der Forderung einher, Strategien für den Umgang mit Betroffenen zu entwickeln. Das Erreichen der Ziele ist in Finnland für 2020 geplant.
Als Grundlage der weiteren Ausführungen dient die offizielle englische Übersetzung: „National Memory Programme 2012-2020. Creating a ´memory-friendly´ Finland“ die vom finnischen Ministerium für Gesundheit und Soziales herausgegeben wurde.
Die vier Ziele der Strategie beziehen sich auf Prävention, Demenz als Stigma, Versorgung und Pflege als Investition sowie Forschung und Lehre. Sie werden nachfolgend genauer vorgestellt.

Prävention 

1) Das erste Ziel bezieht sich auf die Förderung einer lebenslangen geistigen Gesundheit und die Verhinderung auf die Erinnerung bezogener Erkrankungen. Die geistige Gesundheit soll auf einer individuellen wie auch auf einer breiteren gesellschaftlichen Ebene gefördert werden. Dazu gehören Sozial- und Gesundheitsdienste sowie der Bildungsbereich. The promotion of lifelong brain health and the prevention of memory-related diseases. Brainhealth will be promoted both on a personal level and on a very broad level across society, including social and health services and education. 
Die Demenz wird als eine Erkrankung verstanden, welche durch die Förderung der geistigen Gesundheit verhindert werden kann und entsprechende Präventionsmaßnahmen erfordert. Hierbei wird sowohl auf die Primär- als auch auf die Sekundärprävention gesetzt. 
Handlungsmöglichkeiten werden in der rechtzeitigen Identifikation von Risikofaktoren für die Entstehung einer Demenz gesehen, die prinzipiell vermeidbar wären. Die Strategie sieht daher Hinweise für eine aktive Lebensweise und eine gesunde Ernährung vor. Auch der Einfluss von Tabakprodukten wird genannt.  
Für die Prävention ist es erforderlich, dass die Beschäftigten im Gesundheitsbereich in der Lage sind, ihre Patienten über geistige Gesundheit und ihre Gefährdung aufzuklären. Dazu gehört auch, dass Risikofaktoren wie eine hohe Arbeitsbelastung erkannt werden und dann entsprechend interveniert wird.   
Die Verantwortung zur Implementierung der Präventionsmaßnahmen liegt beim Ministerium für Gesundheit und Soziales, welches die Aufgaben delegiert und Kooperationen mit den Kommunen, Universitäten und dem privaten Sektor sowie wie Nichtregierungs-Organisationen vorsieht. 

Demenz als Stigma 

2) The aging of the population is causing a marked increase of memory-related diseases in Finland. The plan will promote positive attitudes towards people with dementia in order to guarantee their basic human rights, including the right to self-determination. 

Ziel 2: Der Plan sieht vor, dass eine positive Grundhaltung gegenüber der wachsenden Anzahl an Erkrankten in Finnland herrscht. Dies sieht vor, dass ihre Menschenrechte respektiert werden und sie in ihrer Handlungsfreiheit unterstützt werden. 
Hier setzt der Plan beispielsweise darin an, dass Vorurteile abgebaut werden, da die Demenzerkrankung keine Randerscheinung ist, sondern alle in irgendeiner weise betrifft. Pflegende arbeiten in Finnland beispielsweise in sogenannten Gesundheitskiosks („Terveykiosk“). Diese sind in Fußgängerzonen oder Einkaufszentren angesiedelt und bieten eine niedrigschwellige, kostenlose Beratung zu allen Gesundheitsfragen an. Auch die Vermittlung an Experten kann hier stattfinden. Kindern wird schon in der Grundschule von der „Schoolnurse“ vermittelt, wie man mit Großeltern umgeht, die an einer Demenz erkrankt sind.
Im Gesundheitszentren können Fragen zur Versorgung von Pflegenden beantwortet werden oder eine professionelle pflegerische Versorgung eingeleitet werden.

Versorgung und Pflege als Investition 

3) Good care and rehabilitation is essential. It is important that memory-related diseases be recognized, diagnosed and treated as early as possible. There will be a particular focus on the entire care chain and its quality. 

Ziel 3: Gute Pflege und Rehabilitation ist essenziell. Es wird herausgestellt, dass frühzeitige Diagnosestellung und Behandlung der Betroffenen so früh wie möglich stattfinden 
Es wird betont, dass eine undiagnostizierte Demenz zu einem hohen Bedarf an Sozial- und Gesundheitsleistungen führt, wobei Ressourcen ziellos aufgewendet werden. 
Durch frühzeitige Diagnosestellungen werden Behandlungen sowohl humaner als auch ökonomisch  nachhaltiger. 
Die Verfasser gehen davon aus, dass der Ausbruch einer Demenz des Alzheimer-Typs sich um bis zu fünf Jahre nach hinten verschieben lässt, wenn die Vorläufer rechtzeitig erkannt und behandelt werden. 
Zum Erreichen dieses Zieles wird insbesondere dem individuellen Case Management eine hohe Bedeutung zugeschrieben. Aufgabe des CM ist die Erstellung eines „care and service plan“, der die individuellen Umstände des demenziell Erkrankten berücksichtigt.
Hierdurch soll erreicht werden, dass die verschiedenen involvierten Institutionen auf der gleichen Datengrundlage zusammenarbeiten. 
In einigen Kommunen gibt es zum Austausch von Patientenbezogenen Informationen beispielsweise eine elektronische Patientenakte, auf die die behandelnden Akteure Zugriff haben.
Es wird versucht, den Patienten so lange wie möglich das Leben in der gewohnten Umgebung zu ermöglichen. Dies entspricht sowohl dem Wunsch der meisten Patienten, ist aber auch eine Einsparungsmöglichkeit, da die Versorgung in einem Heim in der Regel kostenintensiver ist. 

 „ein durchschnittlicher Heimplatz mit 24h-Pflege kostet pro Person pro Jahr 46 000€. Die Kosten für ambulante Pflege betragen im Durchschnitt 19 000€ pro Person pro Jahr. Das herauszögern der Notwendigkeit von 24-Stunden-Betreuung spart Geld, doch auch größtmögliche Prävention und systematische Behandlung sind Notwendig um den Menschen zu unterstützen, so lange es geht zu Hause zu  leben.“ (S. 7) 

Rehabilitation wird in Finnland anders betrieben als in Deutschland. So etwas wie eine spezialisierte „Reha-Klinik“ findet sich fast gar nicht. Die Rehabilitation ist Aufgabe der Home-Care-Teams, die den Gesundheitszentren angegliedert sind. Der Patient wird also beispielsweise nach Operationen so früh wie möglich aus der stationären Klinikversorgung entlassen und bei Bedarf in ein Gesundheitszentrum verlegt, wo bereits die Rehabilitationsmaßnahmen anlaufen. Nachdem von medizinischer Seite keine Komplikationen mehr zu erwarten sind, wird der Patient nach Hause entlassen. Dort führt dann der ambulante Dienst, der interdisziplinär arbeitet (jedoch in der Regel keine Mediziner) die Rehabilitation fort.
Für den demenziell Erkrankten hat dies den Vorteil, innerhalb von kürzester Zeit in seine gewohnten Wohnumgebung zurückzukehren.Da ein Ortswechsel für ihn einen besonderen Stress bedeutet, ist dieser Weg gerade für diese Patientengruppe ideal. Auch die Familie wird so in den Rehabilitationsprozess eng eingebunden und kann Maßnahmen nach Anleitung durch Professionelle weiter fortführen. 

Forschung und Lehre 

4) Support for high quality research and competence of professionals are important. Research efforts must be adequately resourced, in order to support the areas above and also to ensure further development. This includes developing the knowledge and competencies of health care professionals. 
Ziel 4: Es ist wichtig, die Professionen zu unterstützen, um ein hohes Maß an Kompetenz zu erreichen. Die Forschung wird adäquat mit Mitteln versorgt, um die zukünftige Entwicklung positiv zu beeinflussen. Die Entwicklung von Wissen und Kompetenzen von Fachleuten im Gesundheitswesen ist in diesem Zusammenhang von Bedeutung. 
Die vierte Ebene ist die von allen am kürzesten gefasste. Insbesondere wird hier darauf eingegangen, dass nur evidenzbasierte Handlungen langfristige Lösungen bieten können, es von diesen jedoch bislang nicht genügend gibt. 
Außerdem wird geplant, das Verhalten gegenüber demenziell Erkrankten bereits in der Grundschule zu unterrichten, um den Menschen von beginn an eine positive Grundhaltung gegenüber Betroffenen zu vermitteln.  

Fazit


Der finnische Demenzplan spielt in der Praxis bislang für die Akteure aus der Pflege nur indirekt eine Rolle. Es bleibt abzuwarten ob der angekündigte Handlungsplan für Pflegende weitere konkrete Aufgaben vorsieht. Strukturell sind die Pflegenden bereit, vielfältige Aufgaben in der Versorgung zu übernehmen. Deutlich wird dies in meinen Augen auch daran, dass sie fest dafür vorgesehen sind, den Versorgungsbedarf eines Menschen initial einzuschätzen und auch bestimmte Hilfsmittel zu verordnen. 
Auch werden die Pflegenden nicht als eine Kategorie neben vielen dargestellt, sondern es wird auf die verschiedenen Schlüsselpositionen, die die Pflege hier einnimmt (Gesundheitszentrum, Gesundheitskiosk, Patientenkontakt in Pflegeeinrichtungen und Krankenhäusern) zurückgegriffen, sodass den Pflegenden je nach Position andere Aufgaben zugeordnet werden können. Durch die vorangetriebene Vernetzung von Kommunen, privatem Sektor und anderen Initiativen und Bündnissen entsteht jedoch ein wichtiger Diskurs im Land, der mit diesem Plan ausgedrückt wurde.
Abzuwarten bleibt, ob der Plan seinem Ziel gerecht wird, eine Kostenexplosion zu verhindern. Das ehrgeizige Projekt, ambulante Pflege so lange es wirklich geht anzubieten ist einem Land, in dem teilweise weniger als fünf Einwohner pro km² leben wahrscheinlich nicht überall das kostengünstigere Modell.

Demenzstrategie für Deutschland

Auch in Deutschland gibt es ein Interesse an einer nationalen Strategie für den Umgang mit Demenz. Schleswig-Holstein arbeitet bereits an der Umsetzung eines eigenen Planes, das Bundesfamilienministerium hat bereits eine vergleichende Studie in Auftrag gegeben, die nationale Expertenstandards vergleichen soll.
Ein Austausch mit Expertengruppen aus ganz Europa wäre über die Mitgliedschaft in der Plattform ALCOVE sicherlich sinnvoll, doch obwohl neben Frankreich und dem UK auch Schweden, Norwegen und Finnland Mitglieder sind, ist Deutschland weder Mitglied noch Unterstützer der Plattform.
Der finnische Demenzplan ist für Deutschland insbesondere dadurch interessant, dass er die gesamte Bevölkerung anspricht und dieser an vielen Stellen Möglichkeiten schafft, über die Krankheit und Behandlungsmöglichkeiten informiert zu werden. Dies schafft ein größeres Verständnis für die Krankheit und auch für den Umgang mit Betroffenen, sodass sich deren Lebenssituation explizit durch das vermehrte Wissen der Gesamtbevölkerung verbessert. Für die Pflege jedoch würde ein solcher Plan in Deutschland meiner Meinung kaum einen Mehrwert bringen, da für sie im Vergleich zu Finnland an keiner Stelle vergleichbare Schlüsselpositionen vorgesehen sind. Auch wenn Pflegende auch in Deutschland am wohl mit am nächsten mit den Betroffenen arbeiten, würde sich an ihrer Arbeit mit diesen erst dadurch etwas ändern, dass zum Beispiel durch die geförderten Forschungsprojekte neue Erkenntnisse für die Praxis ergeben.

Quellen
Ministry of Social Affairs and Health (Hrsg.) (2012): National Memory Programme 2012-2020 .https://julkari.fi/handle/10024/126202 (PDF), zuletzt abgerufen am 04.08.15.

Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (Hrsg.) (2012): Die OECD in Zahlen und Fakten 2011-2012. http://dx.doi.org/10.1787/9789264125476-de , zuletzt abgerufen 05.07.2015.


Alzheimer Cooperative Valuation in Europe: Member States. http://www.alcove-project.eu/index.php?option=com_content&view=article&id=4&Itemid=112 , zuletzt abgerufen 05.08.2015

1 Kommentar:

  1. Hallo,

    ein wirklich sehr interessanter Blog-Beitrag.

    Ich selbst arbeite auch in der Pflegebranche und finde es immer wieder interessant zu lesen wie andere Länder mit Problemen und anderen Schwierigkeiten innerhalb der Pflege umgehen.

    Viele Grüße
    Laura

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