24.05.2015

Umfrage: Alles meckert, keiner macht?

Mit dieser Frage haben wir uns im Rahmen des „Junge Pflegepreis 2015“ beschäftigt. Unsere Erfahrung aus der Praxis ließ vermuten, dass die Mitarbeiterzufriedenheit insgesamt sehr niedrig ist, die Beschäftigten jedoch selbst wenig tun, um an den Gründen dafür etwas zu ändern. 
Deshalb stellten wir uns zunächst die Frage, welche Faktoren die Mitarbeiterzufriedenheit
positiv oder negativ beeinflussen. Dabei wollten wir unterscheiden, zwischen den durch den Arbeitgeber bestimmten Faktoren(Gehalt, Arbeitszeit, etc.) und den persönlichen Faktoren (Mitgliedschaft in Berufsverband, Abschluss etc.).
Da ein ein wiederkehrendes Thema beim „Meckern nach der Übergabe“ das Geld ist, wollten wir auf dieses etwas näher eingehen. Dabei spielten für uns die subjektive Zufriedenheit mit dem Gehalt eine Rolle, sowie die Bereitschaft, für ein besseres Gehalt einzutreten. Aussagen darüber versuchen wir mit Fragen zum Streikverhalten der Pflegenden und deren Standpunkt gegenüber der Initiative „Pflege am Boden“ zu ermitteln.
Da wir selbst zwar in zwei verschiedenen Krankenenhäusern beschäftigt sind, aber uns dennoch ein etwas „allgemeingültigeres“ Ergebnis wünschten, entschieden wir uns dazu eine Online-Umfrage zu starten und diese gezielt zu verbreiten. Dazu nutzten wir z.B. Twitter und Facebook. Damit konnten wir fast 400 Menschen aus ganz Deutschland erreichen, die unseren Fragebogen bearbeitet haben.
Da diese Zahl im Vergleich zu den über eine Million Pflegenden extrem klein ist, und wir weder eine Vorauswahl der Teilnehmer haben, noch eine Rücklaufquote ermitteln können, möchten wir uns auf keinen Fall einbilden eine repräsentative Umfrage erarbeitet zu haben. Dennoch glauben wir, dass es durchaus Trends gibt, die sich aus dieser Umfrage ableiten lassen. 
Diese möchten wir im Folgenden darstellen.
Sowohl der Fragebogen, als auch die Rohdaten können hier eingesehen werden.

Johannes Sieve und Stefan Heidkamp



Teilnehmer
An unserer Umfrage haben 395 Pflegende teilgenommen. Davon waren etwa 38% Examinierte in der Gesundheits- und Krankenpflege und 27% in der Altenpflege. Die nächstgroße Gruppe stellen die Auszubildenden in den Pflegeberufen, die nicht weiter ausdifferenziert werden. Weiterhin teilgenommen haben 38 Personen mit einer einjährigen Berufsausbildung (9,6%) und 14 Gesundheits- und Kinderkrankenpflegende. Je elf Personen haben einen Master- bzw einen Bachelorabschluss. Die Teilnehmenden hatten darüberhinaus die Gelegenheit ihren Tätigkeitsbereich zu präzisieren, was jedoch auf die Beantwortung der folgenden Fragen keinen Einfluss hat.

Zusammenhang zwischen Personalschlüssel und Mitarbeiterzufriedenheit ist deutlich

Um Aussagen über die Mitarbeiterzufriedenheit treffen zu können, die in erster Linie vom Arbeitgeber bestimmt sind, fragten wir nach den fünf Kategorien Gehalt, Aufgabenbereich, Arbeitszeit, Arbeitsmaterial und Personalschlüssel. Dabei fällt auf, dass bei den ersten vier genannten relativ einheitlich zwischen eher unzufrieden (4) und eher zufrieden (3) aufgeteilt sind. Das arithmetische Mittel liegt bei diesen Kategorien zwischen 3 und 3,5. Die Pflegenden sind also in diesen Bereichen im Schnitt „eher zufrieden“. Der Indikator „Personalschlüssel“ jedoch wird insgesamt negativer bewertet. Während nur 3.8% der Pflegenden in diesem Bereich sehr zufrieden sind, sind 33% der Pflegenden sehr unzufrieden. Das arithmetische Mittel liegt bei etwa 4,5. Die Pflegenden sind also insbesondere mit dem Personalschlüssel unzufrieden.
Pflegende, die angeben Zufrieden mit ihrem Personalschlüssel zu sein (n=25), sind weniger oft wegen zu hoher Arbeitsbelastung krank (28%), der Durchschnitt innerhalb der Umfrage lag bei 55,8% (n=394). Daraus schlussfolgernd kann man sagen, dass eine Erhöhung des Personalschlüssel dafür sorgen könnte, die Krankheitsbedingten Ausfälle deutlich zu senken. Andersherum erhöht sich der Druck auf Pflegende bei einem zu niedrigen Personalschlüssel so stark, dass sie sich krankmelden, was für die verbliebenen Pflegenden das Problem weiter potenziert und weitere krankheitsbedingte Ausfälle folgen werden.
Aufgrund der hohen Arbeitsbelastung haben fast die Hälfte der Mitarbeiter schon darüber nachgedacht, in ein Land mit besseren Arbeitsverhältnissen auszuwandern. In der Schweiz und Skandinavien arbeiten tausende deutsche Pflegekräfte zu einem Besseren Lohn und besseren Bedingungen, sodass es schon jetzt eine große Arbeitsmigration in diese Länder gibt.

Pflegende sind selbst eher nicht berufspolitisch engagiert. Mitglieder einer Gewerkschaft sind 26%. Laut einer in der ZEIT veröffentlichten Statisitik würde dies dem Durchschnitt deutscher Arbeitnehmer entsprechen2. Zum Vergleich: In Schweden liegt dieser Durchschnitt bei etwa 70%. Mitglieder eines Berufsverbandes sind lediglich 15%. Interessant ist an dieser Stelle, dass 1/3 der Teilnehmer, die angegeben haben Mitglied eines Berufsverbandes zu sein, gleichzeitig Mitglied einer Gewerkschaft sind.
Die Arbeit von Gewerkschaften und Berufsverbänden wird von circa 75% positiv bewertet. Paradoxerweise fühlen sich nur circa 8% politisch gut vertreten, obwohl ja auch dies zu den Aufgaben von Gewerkschaften und Berufsverbänden gehört. Auch Lobbyarbeit für die Pflege wird von den Pflegenden nicht wahrgenommen, sodass die Aussage „die Pflege hat eine gute Lobby“ von etwa 90% der Befragten abgelehnt wird.

Pflege am Boden zwar beliebt, aber kein Heilsbringer 


Ein weiterer Indikator im Bezug auf das Engagieren für die eigenen Berufsinteressen war für uns die Initiative „Pflege am Boden“. Hierbei fragten wir danach, wie die Teilnehmer diese bewerten und ob sie eventuell sogar selbst bereits an einer Aktion teilgenommen hätten. Dabei wurde deutlich, dass Pflegende die Initiative eher positiv beurteilen (70%) jedoch nur 32% angeben, sich selbst daran beteiligt zu haben. Uneinigkeit herrscht unter den Pflegenden darüber, ob Pflege am Boden im Bezug auf die Berufspolitik und die Anerkennung der Gesellschaft überhaupt einen (positiven) Effekt hat. Dies sieht zumindest ein drittel der Teilnehmenden so, etwa 40% der Teilnehmenden sind sich in dieser Frage unschlüssig (neutrale Antwort).

Pflegepolitik
Die letzten Fragen bezogen sich auf die Pflegepolitik im Allgemeinen. Hier kommt es zu einem auf den ersten Blick kuriosen Ergebnis: der Aussage, dass Pflegende sich selbst in der Pflegepolitik mehr engagieren sollten stimmen stimmen 90% der Teilnehmenden zu. Bei Pflege am Boden haben von den Pflegenden, die diese Antwort gaben jedoch nur knapp die Hälfte. Auch Mitgliedschaften in einem Berufsverband sind in dieser Gruppe nur minimal höher und liegen bei etwa 23%.

Streik ist kein Thema für Pflegende


Das Thema Streik ist für viele Pflegenden ein Feld, mit dem sie sich bislang nicht beschäftigt zu haben scheinen. Etwa ein Drittel der Pflegenden beantworteten die Frage „In meinem Betrieb darf theoretisch gestreikt werden“ mit „weiß nicht“. Nur 24% der Pflegenden geben an, dass sie selbst schon einmal gestreikt haben, wobei dies in etwa einem Drittel der Betriebe möglich zu sein scheint. 
Auch an dieser Stelle wird wieder die große Differenz zwischen dem „sagen“ (meckern) und dem „tun“ deutlich. Denn während knapp ein viertel der Pflegenden angibt, schon gestreikt zu haben, geben 77% an, bei einem Streik mitzumachen.



Fazit
Das Klischee, dass Pflegende zwar gerne über die allgemeinen Bedingungen meckern, aber selbst nichts oder nur wenig tun um die Situation zu verbessern, scheint sich durch die Ergebnisse der Umfrage zu bestätigen. Wiederkehrende Sequenzen gibt es beim „Gemecker“ aus eigener Erfahrung im Bezug auf den Lohn und den Personalschlüssel. Unterbezahlung und Personalmangel sind hier die Stichworte. Die Auswertung zeigt, dass insgesamt das größere Problem von beidem wohl der enorme Arbeitsdruck durch einen zu schwachen Personalschlüssel gibt. Die Folgen sind dann ein höherer Krankenstand und ein sich potenzierendes Problem. Die Vermutung, dass dies zu Lasten der Pflegequalität geht liegt hierbei nahe, sodass alle Parteien, das heißt Geschäftsführung, Pflegende und Patienten sich an dieser Stelle einig sein müssten, hier etwas zu ändern. Leider ist die Pflege selbst jedoch gar nicht geschlossen dazu bereit etwas zu verändern. 

Pflege: Ohne Zähne im Arbeitskampf


Dies schließen wir daraus, dass nur ein kleiner Anteil von Pflegenden in einem Berufsverband organisiert ist. Die Mitgliedschaft in einer Gewerkschaft macht für die meisten wohl auch deswegen keinen Sinn, weil die Pflegenden durch kirchliche Arbeitsverträge gar kein Streikrecht ausüben können, also auch kein Streikgeld zugesichert bekommen können. Dies nimmt Pflegenden im sogenannten „Arbeitskampf“ ein starkes Werkzeug aus der Hand, denn „Tarifverhandlungen ohne Streik wären nicht mehr als kollektives betteln“, wie das Bundesarbeitsgericht schon 1980 befand.
Interessant in der Auswertung war auf jeden Fall, dass es oftmals große Differenzen zwischen dem gibt, was Pflegende theoretisch tun möchten und dem, was sie tatsächlich tun. Im Endeffekt müssen sie sich den Vorwurf gefallen lassen, viel zu passiv zu sein, um als geschlossene Berufsgruppe einen starken Verhandlungspartner darzustellen.
Eine spannende Frage in der Zukunft wird sein, ob durch die Einführung einer Pflegekammer, wie sie bereits in einigen Bundesländern anläuft, zu einer Verbesserung der Arbeitsverhältnisse und auch im Endeffekt zu einer besseren Entlohnung führt. Dadurch jedoch, dass zum ersten Mal die Gruppe der Pflegenden geschlossen vertreten wird, sehen wir in dieser Richtung auf jeden Fall ein großes Potenzial.

1Die Rohdaten der Umfrage sind unter www.pflegekritik.blogspot.de einsehbar.

2http://www.zeit.de/karriere/2014-10/gewerkschaften-mitglieder-weltweit
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Kommentare:

  1. Wer etwas ändern will, muss selbst aktiv werden. Das war schon immer so. Wenn sich alle Pflegenden zusammen tun, können sie sehr wohl Druck auf die Politik ausüben. Wir glauben an euch!

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  2. Pflegende denken stets, sie hätten nicht genug zu sagen...zumindest viele. Dabei lohnt sich nur der Blick in verschiedene Pflegeblogs und auf facebook...da sammeln sich auch Massen. Die Belastungen scheinen allerdings in der Pflege so hoch, dass nur wenige die Muße haben, sich noch weiter zu engagieren...

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