06.05.2014

Mein Weg in die Pflege


Meinen ersten Kontakt mit der Pflege hatte ich gegen Ende des Jahres 2012 im Rahmen eines obligatorischen Krankenhauspraktikums während ich die Fachoberschule für Gesundheit und Soziales besuchte.
Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich weder über Familie, noch über Bekannte wirklich bewusst Kontakt mit der Pflege und so kam es, dass ich auf die Frage der Organisatorin, in welchem Bereich ich denn gerne arbeiten wollte, nichts besseres einfiel als: “Es ist mir eigentlich egal..“. Diese Antwort als absolutes Desinteresse deutend wurde ich dann, mit auffällig bedauernder Miene, zur geriatrischen Station zugeordnet. Während sich die Mädchen um die Plätze auf Kinderstation und Säuglingszimmer stritten, wurde ich von einer Krankenpflegeschülerin zu meinem Arbeitsort für die nächsten 2 Monate gebracht.
Ich hatte ein mulmiges Gefühl, wusste ich doch überhaupt gar nicht, was da auf mich zukommen würde. Fern von allen Pflegetheorien und Praxiskonzepten wurden mir die ersten Dinge gezeigt. Ich habe mich sofort für die Arbeit interessiert, konnte ich doch Tag für Tag Fortschritte an den Patienten beobachten und so Krankheitsverläufe bei verschiedensten Menschen kennenlernen. Ich habe gelernt, wie man Vorlagen wechselt, Essen anreicht oder auch Betten macht. Nebenbei habe ich den ersten Menschen kennengelernt, der älter als 100 Jahre alt war. Ich war 16, neugierig und beeindruckt von dieser Arbeit, die zwar anstrengend war, aber immer wieder so viel zurückgegeben hat.


Von der Praxis zum Studium

Ich würde sagen, dass diese Zeit mich schon in gewisser Weise geprägt hat, dennoch hatte ich anschließend nicht den Wunsch, die Ausbildung zum Gesundheits- und Krankenpfleger zu machen.
Dies lag an verschiedensten Faktoren. Zum einen hatte ich ja nach der Realschule bewusst die 2-jährige FOS mit dem Ziel der Fachhochschulreife angehängt, damit ich studieren konnte. Zum anderen war die Aussicht auf das Gehalt angesichts einer so fordernden Arbeit ziemlich ernüchternd. Auch die Aufstiegsmöglichkeiten sind eher begrenzt und oft scheint es, als ob man Angestellten durch Weiterbildungen eher einen zweifelhaften Prestigegewinn garantiert, als tatsächlich finanzielle Verbesserungen. (Beispielsweise bekommt ein Praxisanleiter in der Praxis keinen Cent mehr als jemand ohne diese Weiterbildung, während in der Industrie die sog. Ausbilder teilweise Vollzeit in dieser lehrenden Tätigkeit arbeiten und dementsprechend anders verdienen)
Am Tag der offenen Tür der HS Osnabrück fand ich dann die interessante Alternative zur Ausbildung: Das duale Studium.
Eine vielversprechende Kombination von wissenschaftlich fundierter Theorie und Praxis,
der gleichzeitige Erwerb zweier Abschlüsse nach nur 4 Jahren.
Mittlerweile habe ich das Vierte von acht Semestern erreicht und bislang sind meine Erwartungen an Lehre und Praxis weitestgehend erfüllt worden.

Was uns als Studenten von den „normalen“ Schülern unterscheidet ist die Tatsache, dass wir durch das lesen diverser Forschungsarbeiten und Studien ständig vor Augen haben, wie es anders laufen könnte, sollte oder sogar müsste. Es ist ein ständiger Spagat zwischen dem theoretischen Wissen, dass man gern einsetzen würde, und dem Rahmen der Praxis, dem man gerecht werden muss.
Nicht selten wird auf den Stationen auch eine Diskussion über die Sinnhaftigkeit des Studiengangs geführt. Dabei prallen diverse Sichtweisen, bedingt durch verschiedenste Einflussfaktoren aufeinander. Das Wissen um diese Generationen ist wesentlich, um den Zustand der Pflege heute beschreiben zu können. Daher möchte an dieser Stelle etwas näher auf diese eingehen.

Generationenunterschiede in den Pflegeteams
Es gibt zunächst die Generation der mittlerweile über 60-jährigen. Sie bildet eigentlich eine Minderheit ist aber in Form von Stations- und Pflegedienstleitungen doch in vielen Häusern präsent. Die meisten von ihnen haben noch bei den sog. Abteilungsschwestern gelernt und sind die meisten Jahre ihrer Dienstzeit auch im obligatorischen „Schwesternkittel“ mit Haube erschienen.
Sie haben in der Regel am „Vorbild“ gelernt, d. h. von Station zu Station und von Einrichtung zu Einrichtung sind andere Prioritäten gesetzt worden.
Diese sind häufig noch immer geprägt von ihrer Ausbildung im christlichen Weltbild, wo Begriffe wie  „Aufopferung“ und „Nächstenliebe“ im Vordergrund stehen, was auch die Beziehungen zu den Patienten sehr eng werden lassen konnte.

Darauf folgend kommen dann diejenigen, die so etwa in den 60ern und bis Anfang der 80er gelernt haben und ein sehr technisch ausgeprägtes Pflegeverständnis aufweisen. Funktionspflege war zu dieser Zeit die Regel und der Patient nicht zuletzt auf Daten und Messwerte reduziert. Effektivität und Funktionalität sind hier wichtige Stichworte, was die „Schwestern“ eher zu einer Art Handlanger des Arztes werden ließ.
Dies wurde erst durch die Generation der späten 80er abgelöst, wo langsam die Funktionspflege durch Bereichspflege abgelöst wurde und somit ein Schritt in Richtung Primary Nursing gegangen wurde. Lebensweltmodelle kamen zum Einsatz und der Mensch ganzheitlich betrachtet. In vielen Häusern sind die auf diese Zeit zurückgehenden ATL´s nach Juchli noch immer im Einsatz, um „Pflegeprobleme“ des Patienten in geordneten Kategorien zu systematisieren und auf dieser Grundlage arbeiten zu können. Passend dazu ein Zitat von Lilliane Juchli:

 „Je mehr die Medizin sich spezialisiert (High-Tech), desto wichtiger wird eine dem kranken und leidenden Menschen gerecht werdende Pflege (High-Touch).“

Zu guter Letzt kommt dann die heutige Generation ins Spiel. Die Pflege wird immer weiter wissenschaftlich beleuchtet. Fragen von „Ist das, was wir seit Jahren tun eigentlich sinnvoll? Kann man den gewünschten Effekt beweisen?“ werden in die Praxis eingebracht. Studienergebnisse werden in die Praxis implementiert und Probleme aus der Praxis werden wiederum untersucht. Dieses Wechselspiel zwischen Theorie und Praxis ist zwar noch lange nicht wirklich ausgereift, aber dennoch etwas, dass in diesem Umfang, z.B. in Form der erarbeiteten Standards des DNQP, vorher nie existierte. Verbreiteter wurde auch die These, dass die Pflege sich selbst als Profession auf Augenhöhe des Arztes sehen muss.
Dass man in so einem bunten Gemisch nur schwer auf einen Nenner kommen kann, ist daher eigentlich nur logisch und dies ist auch einer der Gründe dafür, warum die Pflege noch immer oftmals unorganisiert wirkt. Alle sind in verschiedensten Verbänden organisiert, deren Positionen sich teilweise sogar diametral gegenüberstehen.
Abhilfe davon können nur Fakten schaffen, wie sie durch die Wissenschaft erbracht werden. Wenn ich belegen kann, dass bessere Ausbildung eine verbesserte Qualität mit sich bringt, dann weiß man was auf dieser Grundlage zutun ist.
Um in diesem Zusammenhang auch unter den Pflegenden mehr Einigkeit zu schaffen, spielt die Pflegewissenschaft eine umso größere Rolle, da die Geschlossenheit von ca. 1,3 Millionen Pflegekräften auch ein enormes politisches Gewicht hat.

Eine erhöhte Pflegequalität durch qualifizierte Pflegekräfte

In dieses Gefüge wird nun ein Student geworfen, dem daher zunächst wahrscheinlich nicht viele Optionen bleiben, als sich anzupassen, will man doch kein „Klugscheißer“ oder gar (Und ja, das kann durchaus sehr negativ gemeint sein) ein „Theoretiker!“.
Um dementsprechend die verschiedenen Gruppen bei ihren Handlungen aus der Reserve zu locken ist das wichtigste eigentlich eine einfache Frage: „Warum machst du das so?“. So einfach sie doch ist, verlangt sie Antworten, die viele oftmals gar nicht genau kennen. Die Antwort ist dann „Ach, das machen wir hier immer so“ oder „Das wurde schon immer so gemacht.“
Und hier denke ich, kommt jemand ins Spiel, der zwischen beidem steht. Jemand, der zwischen Theorie und Praxis die Brücke baut, um im Endeffekt durch valides Handeln die Pflegequalität zu fördern und somit einen professionell(er)en Beruf zu schaffen.

Zukunftswünsche

Für die Zukunft wünsche ich mir daher, dass es mehr studierte Pflegekräfte gibt, wie es in fast allen anderen europäischen Ländern der Fall ist. Ich bin kein Befürworter der These, dass nur noch Pflegekräfte mit Bachelorabschluss tätig sein sollten, was ja auch finanziell eigentlich unmöglich ist, doch eine Quote von vielleicht 1:5 wäre insofern sinnvoll, dass die eine Bachelorpflegekraft den Pflegeprozess organisiert und evaluiert, und die Aufgaben sinnvoll verteilen kann, was dann auch im Sinne von Primary Nursing umsetzbar wäre. Zusätzlich dazu müsste diesen Primary Nurses Zeit zur Verfügung gestellt werden, in der Fachliteratur bearbeitet werden kann, damit der Austausch flüssiger stattfindet um die Qualität sodauerhaft zu verbessern.
Dies würde den Beruf insbesondere für jüngere Attraktiver machen, die in Führungsrollen arbeiten möchten ohne den Bezug zur Praxis zu verlieren. Durch den Mehrwert, den die gesteigerte Pflegequalität bringt, würde sich auch die Bezahlung nach oben hin anpassen müssen.
Darüber hinaus beantwortet diese Aussicht auf mehr Autonomie im eigenen Arbeiten auch eine Motivation, am gelernten Beruf festzuhalten und steht der politischen Forderung, mehr PK´s aus dem Ausland anzuwerben deutlich gegenüber.

Pflegequalität ist keine Importware

Seien es Bosnier, Vietnamesen oder Polen: Immer wieder werden sie von der Politik angeworben, um die angespannte Personalsituation zu lösen. Peinlich wurde es aber, als die angeworbenen Spanier sich über das deutsche System einfach nur erschrocken zeigten, und schnellstmöglich wieder nach Hause wollten (siehe Artikel domradio). Pflegequalität kann demnach nicht in bisherige Strukturen importiert werden, sie muss als solche Aufgebaut werden und erst dann macht das anwerben qualifizierter Kräfte Sinn, damit diese ihr Know-How auch entsprechend einsetzen können.  Aussagen wie die von NRW-Arbeitsminister Guntram Schneider (SPD) sind das, was die deutsche Pflege immer wieder zurück wirft. Dieser forderte nämlich, dass alte Leute besser Englisch lernen sollten, denn dann hätte man den Pflegenotstand längst gelöst (Weil dann ja jeder Einwanderer pflegen könnte). Fakt ist aber zum einen, dass nicht jeder pflegen kann und wohl das letzte was der Arbeitnehmer in der Pflege braucht, in eine unfaire Konkurrenzsituation mit ungelernten gebracht zu werden.
Und 2. Fakt ist, dass Menschen im Alter, z.B. durch Demenz, erlernte Sprachen einfach vergessen. Sie können sich gar nicht auf Englisch unterhalten. Mir ist es schon passiert, dass Menschen, die vollständig mit Plattdeutsch aufgewachsen sind, mein Hochdeutsch nicht mehr verstehen können.
Solche unqualifizierten Aussagen sind es wohl, die die Pflege dauerhaft sabotieren und den Beruf dadurch auch für Schulabgänger immer unattraktiver machen.

Es wird definitiv spannend werden, egal wie sich die deutsche Pflege in Zukunft entwickelt. Dass sie aber im jetzigen Zustand nicht verbleiben kann, sollte klar sein, wenn man nicht möchte, dass das gesamte Gesundheitssystem implodiert, weil auf der einen Seite immer mehr Menschen Pflegebedürftig werden und auf der anderen Seite (in dieser Form) immer weniger pflegen wollen. Mehr Informationen zum Pflegenotstand gibt es im Ratgeber „Wenn Pflegen krank macht“.

Wenn ich also 2016 meine Abschlüsse in der Tasche habe, werde ich dem Feld „Pflege“ definitiv treu bleiben. Ob dies nun in der Forschung, dem Managementbereich oder auf der Station ist, kann ich allerdings noch überhaupt nicht sagen. Aber gerade diese Vielseitigkeit der Möglichkeiten die man am Ende hat, macht den Studiengang ja auch aus.


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1 Kommentar:

  1. Das Rotkreuz-Grundsatz der Menschlichkeit sagt: uns ist das Wohlergehen und die Würde von Menschen in Not – und dazu zählen die hilfe- und pflegebedürftigen älteren Menschen – ein ganz besonderes Anliegen.
    Was den Zusammenhang von Alter und Krankheit betrifft, so ist es richtig, dass Alter keine Krankheit ist. Alter allein führt aber auch praktisch nie zu Pflegebedürftigkeit. Pflegebedürftigkeit im Alter ist immer die Folge einer Grunderkrankung, wobei die entsprechenden Krankheiten im Alter oft gehäuft auftreten wie z.B. Erkrankungen des Bewegungsapparates, Stoffwechselerkrankungen oder hirn-organische Erkrankungen.

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