10.04.2014

Beratung und Demenz Teil 2

Dieser Text ist die Fortsetzung des am 01.04.14 erschienen Artikels zum Thema Beratung bei Demenzerkrankung. Hier geht es insbesondere um die Kommunikation.

Belastungserleben von Angehörigen in Bezug auf Kommunikation

 Um herauszufinden, wo genau die Einschränkungen in der Kommunikation liegen, und zu welchen Problemen diese führen, ist es daher für mich sinnvoll gewesen, mich zunächst mit den pflegenden Angehörigen zu beschäftigen. Da bis zu 80% der Menschen mit Demenz von pflegenden Angehörigen versorgt werden (vgl. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, 2002) , und diese ein umfassenderes Bild, insbesondere über Veränderungen des Betroffenen haben, sowie über einen längeren Zeitraum, kontinuierlich mit den Betroffenen in Kontakt sind, erscheint mir diese Personengruppe zum Verständnis von Veränderungen der Kommunikation und typischen Defiziten in der Kommunikation logisch. Als Quelle benutze ich eine Interviewstudie von Sabine Engel, die „das Belastungsempfinden von Angehörigen, die ein demenzkrankes Familienmitglied zu Hause betreuen und versorgen untersucht.                Die Personen, über die gesprochen wird leben zum Zeitpunkt der Befragung zu Hause und litten alle unter einer Demenzerkrankung. Interviewpartner sind  20  Angehörige, wovon nur 2 männlich sind, die mindestens 1x wöchentlich Kontakt mit der erkrankten Person haben. Die Interviewpartner sind zwischen 41 und  74 Jahre alt und bestehen aus (Ehe-)PartnerInnen der Erkrankten  und der Kindergeneration , bestehend aus 9 Töchtern und einer Nichte. Die Angehörigen gaben im Vorfeld ihre empfundene Belastung an: 70% ernste Belastung, 15% hohe Belastung, 15% mäßige Belastung. Dabei fällt auf, dass keinerlei Korrelation zwischen empfundener Belastung des Angehörigen, und ermittelten Schweregrades der Demenz besteht. (s. 138) Im Anschluss an das erste Interview nahmen die Interviewpartner an einem Interventionsprogramm teil, welches ihnen die Kompetenzen des bewusst werdens der eigenen, neuen Rolle vermitteln, ihnen neue Wege in der Kommunikation vermitteln und so auf diesen Grundlagen die Handlungskompetenzen zu verbessern . Eine Grundlage von Kommunikation ist, dass man sich gegenseitig versteht. Dies wird durch die Krankheit für den Betroffenen dadurch erschwert, dass die Sprachrezeption immer lückenhafter wird, und er die Bedeutung von Worten nicht (mehr) abrufen kann.                                 .             
    

„Häufig passiert es auch, dass mein Mann nicht versteht, was ich ihm sagen will. Wenn wir beispielsweise Kaffee trinken, nimmt er die Tasse und stellt sie neben das Untertellerchen. Wenn ich ihm sage, er solle sie doch auf den Teller setzen fragt er  mich, was ein Teller ist. Seine Sprachstörung verhindert unsere Kommunikation. Und das ist das Hauptproblem! Die Wörter sind einfach weg, und es werden immer weniger! Themen können wir überhaupt nicht mehr besprechen.
(Frau D, Zeilen 33-35 und 37-40 und 65-68)“    (s. 157)

 Außerdem berichten Angehörige von einem Unvermögen, längeren Gedangengänge zu verfolgen, sowie zu abstrahieren. Als Beispiel dafür lässt sich das folgende Zitat nehmen:  Seite 6
 „Wenn ich ihr Dinge erkläre, die nicht allzu schwierig sind, versteht sie mich. Aber die Funktion eines Telefons kann ich ihr nicht mehr erklären. Obwohl es das einfachste Telefon ist, das ich ihr jetzt gekauft habe.(..) Frau H, Zeilen 145-149“

  Diese Zitate machen deutlich, dass es in der Kommunikation zu großen Veränderungen kommt. Verbale Kommunikation wird durch das Vergessen des Betroffenen so stark eingeschränkt, das Gespräche, wie sie früher einmal normal waren, nicht mehr Möglich sind. Sich darauf einzustellen ist für die Betroffenen offensichtlich nicht leicht, was auch Agressionen auslöst. Als Beispiel lässt sich das Zitat von Frau L:               „Gelegentlich macht es mich aggressiv, wenn ich mit der Mutter zusammen bin. Weil sie überhaupt nicht versteht, wenn ich etwas von ihr möchte.“ 
  Da dieses „vergessen“ jedoch ein Teil des Krankheitsbildes ist, kann der Betroffene nichts dagegen tun. Die Aggression die sich nun gegen ihn richtet kann daher nur zu einer Reaktion führen: ebenfalls Aggression.          Insbesondere die Krankheitseinsicht scheint den Erkrankten oftmals zu fehlen, was die Stimmung schon belastet. Die Angehörigen berichten immer wieder davon, dass sie verantwortlich gemacht werden, wenn etwas verlegt wurde. Einhergehend mit der fehlenden Krankheitseinsicht geht auch die Fähigkeit verloren, Kritik anzunehmen. Der Betroffene reagiert auf Kritik ausweichend, oder geht davon aus sich verteidigen zu müssen. Ein weiterer Faktor für Aggressivität in der Kommunikation ist damit also verbunden.
 Dies zusammenfassend lässt sich also sagen, dass die Kommunikation zum einen dadurch belastet wird, dass Erkrankte kognitiv nicht mehr zu Kommunikation in der Lage ist, da er zu schnellem vergessen neigt, andererseits jedoch auch die Angehörigen selbst Kommunikation dadurch erschweren, indem sie den Erkrankten nicht als solchen akzeptieren, und die Probleme bei der Kommunikation nicht als ein Symptom der Krankheit sehen. Dies wird dadurch bestätigt, dass Angehörige oft nicht wissen, ob der Betroffene nun „nicht will oder nicht kann“ (Frau Y, Zeilen 88-90)“ s.177               
Meiner Meinung nach bestätigt dies, dass ein Großteil des Belastungsempfindens des Angehörigen auf Fehler in der Kommunikation mit dem Erkrankten zurückzuführen ist.              

Geeignete Kommunikation mit Menschen mit Demenz 

Die demenzielle Erkrankung wird oft von den klassischen Erkrankungen des Alters, wie zum Beispiel Seh- und Hörschwäche begleitet. Daher sollte zunächst sicher gestellt werden, dass eine Kommunikation mögliche wäre, wenn es die Demenz nicht verhindern würde. So sollte zum Beispiel eine Messung der Sehstärke und ein Hörtest durchgeführt werden. Auch undeutliche Sprache kann andere Ursachen als die Demenz haben, wie zum Beispiel eine unpassende Zahnprothese. Der Angehörige muss darauf hingewiesen werden, dass er dem Erkrankten dabei helfen muss, seine Hilfsmittel (Ressourcen) zu nutzen, da es nicht unwahrscheinlich ist, dass Hörgeräte vergessen werden oder auch gar nicht bemerkt wird, dass die Batterien leer sind.                   Nachdem die nötigen Voraussetzungen geschaffen worden sind kann man sich auf die Besonderheiten der Demenz konzentrieren. Charakteristisch für die Kommunikation mit einem an Demenz erkrankten Menschen ist, dass sich die Umwelt auf ihn einstellen muss, da er es selbst nur noch teilweise oder gar nicht mehr kann. Dies ist für den Angehörigen natürlich nicht immer leicht, wenn er zum Beispiel immer wieder die gleichen Fragen beantworten muss.
  In diesem Fall gibt es die Möglichkeit, dem Erkrankten Erinnerungskarten zu schreiben und an die betreffenden Orte anzubringen. Weiß der Erkrankte zum Beispiel jeden Morgen nicht mehr, was die Zahnbürste ist, so könnte man einen Zettel anbringen der die Funktionsweise erklärt. Außerdem wurde in der Interviewstudie deutlich, dass Angehörige es als deprimierend empfinden, wenn Erkrankte sie nicht mehr erkennen.  Helfen kann dort ein sogenanntes „Familienposter“ auf dem Familienmitglieder und auch Haustiere mit Bild und einigen Stichpunkten vorgestellt werden. Da die Funktion des Kurzzeitgedächtnisses eingeschränkt ist, sollten Sätze möglichst kurz und einfach formuliert werden, um zu vermeiden, dass der Betroffene Teile des Satzes vor dessen Ende vergisst. Bei Fragen ist zu beachten, dass im Idealfall nur zwei Auswahlmöglichkeiten vorgegeben werden. So ist zum Beispiel „Möchtest du Wurst oder Käse?“ besser als „Wie möchtest du das Brötchen belegen?“ Außerdem ist es sinnvoll, wenn man über Dinge spricht die gegenwärtig stattfinden, sodass sie für den Betroffenen präsent sind. So könnte ist die Frage „Siehst du den Bus kommen?“ besser als „Hast du vorhin den Bus gesehen?“

Die Fortsetzung folgt in den kommenden Tagen.

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Hier zum Teil 3

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