12.02.2013

Sturzhosen: Pflegerischer Protektionismus?

Protektionismus (von lateinisch protectio: Schutz) ist eigentlich ein ökonomischer Begriff. Staaten handeln protektionsistisch, indem sie über Schutzzölle dafür sorgen, dass heimsiche Waren günstiger sind aus Ausländische. Die heimische Wirtschaft wird quasi vor sich selbst geschützt um es kurz zu halten. Ich möchte hier ja keinen Finanz blog starten. Ähnlich handeln Pflegende bei Maßnahmen am Patienten. Ich möchte dies am Beispiel von "Sturzhosen" deutlich machen.
Die Sturzhose gilt als ein Teil der Maßnahmen zur Sturzpropylaxe in einigen Häusern als gesetzt. Durch Protektoren am Trochanter major sollen schlimmer Knochenbrüche oder Prellungen vermieden werden. So weit so gut. Fakt ist jedoch, dass diese Maßnahme bis heute nicht evidenzbasiert ist. Keine Studie hat bislang verlässlich über Sinn oder Unsinn dieser Maßnahme geurteilt. Dies geht aus dem "Expertenstandart Sturz" hervor, der zu dieser Maßnahme 13 Studien herangezogen hat.



 http://www.wiso.hs-osnabrueck.de/fileadmin/groups/607/Literaturstudie_Akt_Sturzprophylaxe_Langfassung.pdf (Seite 208) Ohne abschließende Empfehlung wird hier festgestellt, dass "ein Problem em langfristigen konsequenten Tragen der Protektoren zu liegen" scheint.

Patientenwille übersehen

Bei aller Sorge um das Wohl des Patienten wird nämlich eines Übersehen: Der Wille des Patienten. Die Hose, wie auf dem Bild gezeigt, kann von einem eher gebrechlichen Menschen nicht selbstständig an- und ausgezogen werden. Selbstständige Toilettengänge werden so unmöglich. Die Hilfebedürftigkeit steigt also direkt. Auch beim gehen wirken die Protektoren unbequem, was auch von nicht wenigen Patienten so geäußert wird. In Folge dessen gehen Betroffene weniger- das Sturzrisiko steigt durch die mangelnde Übung. Dass besonders weibliche Nutzer der Protektoren beklagen, dass diese ihr Gesäß sehr unschön formt könnte auch dazu führen, dass der Wunsch besteht, in der Hose nicht gesehen zu werden. Dies könnte also zu Isolation führen und den Patienten auch in seiner sozialen Gesundheit beeinträchtigen. Auch in der Nacht erweisen sich die Harten Plastikschalen an den Hüften als unpraktisch. Nicht selten klagen Patienten darüber, nicht mehr auf der Seite liegen zu können, da die Protektoren drücken. Als letzten Punkt möchte ich anführen, dass die Schutzhose den Sturz für den Patienten omnipräsent macht. Durchgehend wird er an die Gefahr erinnert, dass er stürzen könnte. Die daraus resultierende Sturzangst führt auch wieder dazu, dass im Zweifel gar nicht mehr gegangen wird. Soll das das Ziel sein? Wohl kaum. Wenn man sich diese Überlegungen ansieht, kann man eigentlich nur zu dem Schluss kommen, dass wir hier von einer kontraindizierten Maßnahme sprechen. Natürlich möchte niemand, dass Patienten sich bei Stürzen verletzen. Doch eine Maßnahme, die für weitere Stürze sorgt, indem sie Patienten dermaßen einschränkt, kann dafür keine Lösung sein. Daher meine Forderung: Schluss mit dem Protektionismus. Wer Patienten schützen will, der muss sich ihnen zuwenden. Ich habe den Eindruck, dass diese Schutzhosen eher den Pflegenden ein gutes Gewissen machen sollen, da sie somit "kein gucken mehr" danach haben müssen, da man sich durch die Maßnahme ja rechtlich abgesichert hat. Doch dass diese Maßnahme langfristig günstiger ist, als einfach den Personalschlüssel zu verbessern wage ich zu bezweifeln. 

Mehr Kosten als Nutzen?

Den Kosten-Nutzen-Faktor sollte man dazu wohl noch gegenüberstellen.
 -Kosten für die Hose
 -Kosten für Mehraufwand der Pflegenden: An-ausziehen, Toilettengänge, etc.
 Bei einem durch Studien nicht bewiesenen Nutzen: Behandlungskosten für mögliche Brüche verhindern. Dass diese Maßnahme wirklich effektiv gegen Frakturen schützt ist nämlich alles andere als bewiesen. Profitieren kann daher wohl nur der Hersteller. Immerhin etwas ;)

Bild: http://sanihaus.ch/128-212-large/unisex-sturzhose.jpg i do not own any rights
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