11.02.2013

Patient-Arzt-Verhältnis vs. Patient-Pflegenden-Verhältnis


Dieser Artikel basiert auf einer Hausarbeit von mir zum Thema Pflege als Profession. Sie beruht auf der These: Eine wichtige Aufgabe der Pflege ist, das oftmals schwierige Arzt-Patienten Verhältnis auszugleichen

1.Einleitung

Ich möchte die These einleiten mit einem Zitat aus dem deutschen Ärzteblatt, welches zunächst auf die Problematik aufmerksam machen soll.

„Seit einiger Zeit hört man immer häufiger die Forderung nach einer „menschlichen Medizin“. (..) Wenn man aber dem Wortsinn nachhört, dann enthüllt sich die Tautologie, ja eigentlich die Absurdität des Begriffes: Medizin bedeutet doch implizit die Kunst, die Wissenschaft, die das Wohl des Menschen zum Ziel hat. Dass wir in letzter Zeit glauben, das Wort „menschlich“ davor setzen zu müssen, wenn wir ein umfassendes, dem Körper wie auch der Seele und dem psychosozialen Umfeld des Patienten gerecht werdendes Handeln meinen, sollte uns doch sehr nachdenklich stimmen. Wir gestehen uns damit ein, dass die Medizin heute, trotz all der grandiosen Leistungen und Fortschritte, die sie verzeichnen kann, trotz der stets steigenden Lebenserwartung, die sie den Menschen bringt, offensichtlich in ein falsches Fahrwasser geraten ist – mit gravierenden Folgen, nicht etwa nur für die Patienten (für die ohnehin), sondern ebenso für die Ärzte und das Pflegepersonal.“ (Koch, Marianne: Arzt-Patienten-Beziehung: Ins falsche Fahrwasser geraten. Online abgerufen am 12.12.12)


2. Das Patient-Arzt-Verhältnis

Aus historischer Sicht betrachtet kann man diesem Vorwurf nur zustimmen. Das 19. Jahrhundert brachte enorme Fortschritte in der Diagnose und Therapie vieler Krankheiten vor allem durch die Entwicklungen im Bereich der Naturwissenschaften. So wies die Zelltheorie den Weg zur Entwicklung von Histologie und mikroskopischer Pathologie. Bis dahin wurde der Patient als Individuum gesehen, dass durch seinen (ungesunden) Lebenswandel eine Krankheit hervorgebracht hat. Der Arzt sah seine Aufgabe darin, diesen Lebenswandel zum Beispiel durch Ernährungsumstellungen zu begradigen. Dazu musste der Patient lange beobachtet werden und viele Gespräche waren nötig. Plötztlich reichte jedoch ein Laborbefund, der auf den Erreger hinwies um eine Therapie einzuleiten. Diagnosen für Personen, die man nie selbst gesehen hatte, waren keine Unmöglichkeit mehr. Das Patient -Arzt-Verhältnis hat sich grundsätzlich dahin gewandelt, dass der Arzt nun die Krankheit vor das Individuum stellt.(Vgl. Seidler, E. 1977) Dies wird im Klinik-Alltag durch Sätze wie: „Zeigen Sie mir doch noch eben die Akte von der Galle auf Zimmer 254“ beispielhaft verdeutlicht.
Aus der internationalen vergleichenden Studie »The European Patient of the Future« (Coulter, A: The European Patient of the Futere. Open University Press. Berkshire, 2003) , in deren Rahmen im Juli 2002 jeweils 1.000 Patienten in acht Ländern  befragt wurden, lässt sich die Sicht der Patienten auf die Problematik erschließen. Nahezu alle deutschen Interviewten gaben an, mit ihrem Arzt zufrieden zu sein. Geklagt wurde jedoch über Zeitmangel und wenig individuelle Kommunikation. Auffällig war demnach auch, dass insgesamt nur 36% der Befragten der Aussage zustimmen, dass Ärzte sorgfältig zuhören (ebd. S.36). Dem Vertrauen in die Ärzteschaft tut dies jedoch keinen Abbruch, da 84% der Befragten als Hauptinformationsquelle für medizinische Problemlagen und Therapiemöglichkeiten den Arzt angaben. 
Zusammenfassend lässt sich also sagen, dass trotz eines gewissen Defizits im Kommunikationsverhalten, dem Arzt ein großes Vertrauen in der Bevölkerung entgegen gebracht wird.
Doch gerade bei längeren Krankenhausaufenthalten herrscht bei Patienten ein großer Aufklärungs- und Kommunikationsbedarf, welcher durch die Visite des Arztes, welche oftmals in weniger als einer Minute abgehandelt ist, nicht abgedeckt werden kann. Eine gute Pflege hat daher die Aufgabe diese Problematik zu erkennen und zu kompensieren.



3. Das Patient-Pflegende-Verhältnis
Nachdem die Sicht des Patienten auf den Arzt dargestellt wurde, soll der Blick auf das Pflegepersonal aus Sicht des Patienten gelenkt werden, um die These weiter zu erörtern.
Die Erwartungshaltungen des Patienten lassen sich folgendermaßen Zusammenfassen:
„(..)erwarten Patienten vom Pflegepersonal ein freundliches, zugewandtes, aber natürliches „normales“ Verhalten, in dem auch Humor einen Platz hat.4 (vgl. Bischoff-Wanner,C. 2002 S.66 )

und weiter:
„(..)fürsorgliche Beziehung mit Nähe und Präsenz der Pflegekraft sehr hilfreich“ „Verständnisvolles und empathisches Verhalten der Pflegekräfte, die dem Patienten zuhören, die Probleme auch von der Patientenseite versuchen zu sehen, sich Zeit zum Reden nehmen und auch den Mut haben mal eine freundliche Berührung zu wagen, ist wünschenswert, um eine gelingende Pflegepersonal- Patienten-Beziehung aufzubauen.“ (ebd. S.67)

Beachtenswert ist, dass in der Studie deutlich wird, dass die Diskrepanz zwischen Erwartungen der Patienten und den Erwartungen der Pflegenden an sich selbst sehr gering ist. Den Pflegenden darf also unterstellt werden, die Problematik, vielleicht auch unbewusst, erkannt zu haben.
Dies könnte aus den Traditionen der Pflegenden aus den christlich motivierten Mutterhäusern abgeleitet worden sein. So vertrat zum Beispiel auch Florence Nightingale, die ihr Handwerk in einem Kayserswerther Mutterhaus lernte, die Ansicht, die Pflege solle mehr als ein reiner Broterwerb sein, sondern, dass es dabei um Nächstenliebe, um Engagement für den Nächsten gehen sollte.




4.Lehren aus der Geschichte
Damit die Pflegenden von heute dem Bedürfnis der Patienten nach „menschlicher“ Versorgung gerecht werden, könnten Vorbilder aus der Geschichte der Pflege einen Weg für die Zukunft darstellen. Am Beispiel der Bezugspflege wird dies deutlich. Aus Figuren der Geschichte wie Florence Nightingale lernen wir, dass sie nicht nur eine bestimmte Aufgabe durchgeführt haben, wie es bei der klassischen Systempflege üblich ist, sondern die Patienten umfassend versorgt hat. Nightingale war beispielsweise seelsorgerisch tätig und wurde „Lady with a Lamp“ genannt, weil sie bei Nacht durch die Lazarette ging, um nach den Patienten zu sehen. Dies zeigt Pflegenden von heute alternative Wege zu klassischen Schicht-Systemen und Systempflege, bei denen der Patient als Individuum schnell untergeht. Dass in der angesprochenen Studie gewünschte „ sich Zeit zum Reden nehmen“ ist dabei ein besonders wichtiger Aspekt. Dabei ist nämlich zu beachten, dass dem Patienten im Krankenhaus täglich mehrere dutzend Leute begegnen können. Von den Pflegenden auf der Station, Physiotherapie, Medizinisch-Technische-Assistenz, Mediziner, Hausangestellte, usw. Diese können nicht alle die Aufgabe übernehmen sich diese Zeit zu nehmen. Modelle der Bezugspflege („Primary Nursing“) bieten hier eine Lösung an. Nach Konzepten von Marie Manthey wird dem Patienten eine „Primary Nurse“(PN) zur Seite gestellt, die als Bezugsperson gilt und als einzige den pflegerischen Ablauf, so wie die Entlassung plant und durchführt. Ist diese Bezugsperson nicht im Dienst gibt es die Assistence Nurse, welche die von der PN angeordneten Tätigkeiten durchführt. Änderungen dieser Planung werden nur dann durchgeführt wenn sich der Zustand des Patienten akut ändert. Dies gibt dem Patienten zum einen eine gewisse Beständigkeit und zum anderen gibt es keine widersprüchlichen Aussagen bzw. sich widersprechende Fachmeinungen der Pflegenden. Zu guter letzt bietet dies den Vorteil, dass der Patient trotz der vielen übrigen Fremden, mit denen er im Krankenhaus zwangsläufig in Kontakt steht mindestens eine Person hat, der er sich anvertrauen kann und deren Aufgabe es auch ist, sich vollständig um ihn zu kümmern. Näheres dazu auch bei bei Schletting,et al. Berlin, 2000 der Funktions-und Bezugspflege in dem Werk gegenüberstellt.

5. Fazit
Daraus schließend halte ich die These „Eine wichtige Aufgabe der Pflege ist, dass oft schwierige Patient-Arzt-Verhältnis auszugleichen“ für richtig, da einerseits der Arzt generell nicht so viel Zeit am Patientenbett zu verbringen scheint und die Patienten andererseits diese Aufgabe ohnehin bei der Pflege zu verorten scheinen. Für den Patienten wichtige Informtionen müssen oftmals mit viel Empathie kommuniziert werden, was wiederum Zeit beansprucht, welche nur jemand aufbringen kann, dessen Arbeit es ist, den Patienten über einen gewissen Zeitraum kontinuierlich zu betreuen. Dies ist in meinen Augen eher die Pflegekraft als der Arzt. Aus der Geschichte lernt man bezüglich der naturwissenschaftlichen Komponente, dass dadurch, dass die Medizin weniger Zeit zur Diagnose am Patienten verbringen muss, ein Zeitvakkum entstanden ist, welches die Pflege zu füllen hat. Außerdem lernt man aus den historischen Größen der Pflege wie Nightingale, dass die Pflege in der Tradition der christlichen Nächstenliebe entstanden ist.Trotz der Kommerzialisierung der Pflege darf sie nicht zu einem industrialisierten Prozess verkommen, wobei die Konzepte zur Bezugspflege die Alternative darstellen könnten.



Johannes Sieve 24.01.13

Quellenverzeichnis

-Bischoff-Wanner,C. Empathie in der Pflege . (Referatsarbeit) Hannover, 2003

-Coulter, A: The European Patient of the Futere. Open University Press. Berkshire, 2003

-Koch, M: Arzt-Patienten-Beziehung: Ins falsche Fahrwasser geraten. Online Ausgabe des Deutschen Ärzteblattes (Internetquelle) aerzteblatt.de/archiv/118077/Arzt-Patienten-Beziehung-In-falsches- Fahrwasser-geraten, abgerufen am 12.12.12

-Schlettig, H. et al.:Bezugspflege. Springer Verlag, Berlin, 2000


-Seidler, E. Geschichte der Pflege des kranken Menschen. Kohlhammer Verlag, Stuttgart, 1977

-Unbekannter Autor: 100 Jahre Florence Nightingale. (Internetquelle) fliedner-kulturstiftung.de/fliedner-kulturstiftung/140_257.php, abgerufen am 20.12.12.





Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...

Kommentare:

  1. Das Konzept der "Primary Nurse" finde ich sehr gut. Ständig wechselnde Ansprechpartner sind für den Heilungsverlauf bei Patienten sicher nicht förderlich.
    Dass das Pflegepersonal die fehlende Menschlichkeit der Ärzte "übernehmen" sollte, ist ein interessanter Ansatz. Meiner Meinung nach sollten jedoch alle Menschen in Gesundheitsberufen (Ärzte, Pflegepersonal, Therapeuten etc.) im Verlauf ihrer Ausbildung eine humanistische Haltung (Empathie, Kommunikationsfähigkeiten etc.) mit den damit einhergehenden ethischen Werten erwerben und sich dementsprechend gegenüber Patienten verhalten.

    AntwortenLöschen
  2. Tolles Blog! Sie können gerne auch unser Blog & Website zum Thema Pflege besuchen:
    http://www.tta-personalmedizin.de & http://tta-personalblog.com. Weiter so!

    AntwortenLöschen
  3. Ich habe ein paar Artikel darüber gelesen, aber das gab mir zu denken. Der Autor ist in der Lage, große Ideen für Ihr Blog zu übertragen.

    AntwortenLöschen